Dr. Georg Braun gewinnt zwar nicht die Meisterklasse der WEM – aber er holt sich den Titel des Württembergischen Meisters. Am überragenden Neil Albrecht war kein Vorbeikommen – aber er gönnt dem Talent seinen Triumph.
Ob dieser Titel womöglich Balsam für die Dresden-Wunde ist? Nein. Aber nicht, weil er den Titel als Württembergischer Meister nicht zu würdigen weiß, sondern: „Es gibt gar keine Dresden-Wunde.“ Zwei aus neun Punkten in Dresden, sagt Dr. Georg Braun, seien „okay“ gewesen, „kein großer Erfolg, aber angesichts der Gegner auch kein übermäßig schlechtes Ergebnis.“ Sieben Großmeister, zwei Internationale Meister waren seine Gegner im Juli. Und immerhin hatte er ja als FIDE-Meister und Außenseiter in der Meisterklasse der Deutschen Meisterschaft in Runde acht einen sensationellen Sieg gegen Großmeister Alexander Donchenko errungen – mit Schwarz. „Das kann mir keiner mehr nehmen“, sagt Braun, der jetzt auch zufrieden aus Ruit abreiste. „Mein Ergebnis war ganz gut, auch wenn ich die Norm verfehlt habe“, sagt der 32-Jährige.
Mit acht der neun Partien in der Meisterklasse bei der WEM sei er im Reinen, sagt er auf Nachfrage von Matthias Wolf für svw.info, „einzig nicht mit der Niederlage gegen Neil, dem ich aber seinen Erfolg und die Norm völlig gönne. Wir kennen uns inzwischen auch schon seit ein paar Jahren. Ich finde es toll, wie er sich in den Jahren entwickelt hat.“
Das ist Sportgeist. Neil Albrecht, 15 Jahre alt, gewann die Meisterklasse – das war auch sein großes Ziel. Mit sieben Zählern gewann er das Turnier vor GM Eduardas Rozentalis (6,5), sammelte auch ein sattes Elo-Plus von 49 Punkten, das ihn nun knapp unter die angestrebte 2400er-Marke katapultiert. Aber da Neil Albrecht er vor einigen Wochen vom Oberligisten SK Sontheim/Brenz zum Zweitligisten Münchner SC gewechselt ist, konnte er nicht mehr Landesmeister werden. Das aber, hatte er schon im Vorfeld gesagt, war nicht seine Priorität: Es ging um die erste IM-Norm, die er nun im Sack hat. Georg Braun (plus drei Elo-Punkte) verpasste sie einmal mehr knapp.
„In meinen acht ordentlichen Partien hätte ich den einen oder anderen halben Punkt mehr holen können, aber auch hier und da einen halben Punkt weniger“, zieht er nun recht sachlich Bilanz: „Positiv war, dass ich gegen alle drei Großmeister auf dem Schachbrett in keinerlei Probleme geraten bin. Alle meine Partien gegen die GMs sind Remis ausgegangen. Und gegen Korneev und Velicka war ich derjenige mit kleinen beziehungsweise größeren Chancen auf den ganzen Punkt.“
Gegen Neil Albrecht aber sei es „früh in der Eröffnung in die falsche Richtung“ für ihn gegangen: „Er spielt seit kurzem eine neue Eröffnungsvariante. Ich hatte seine bisherige Partie in der Vorbereitung nicht gründlich analysiert, und eine ältere Analyse wiederholt, ohne diese erneut mit dem Computer oder Datenbank auf neue Entwicklungen zu prüfen.“ Selbstkritische Sätze vom Mathematiker des SK Bebenhausen, der sonst eigentlich nie etwas dem Zufall überlässt. „Aber während eines Turniers hat man für so etwas auch nur begrenzt Zeit. Neil hat die bessere Stellung aus der Eröffnung dann souverän gegen mich gewonnen.“ Wie gesagt: Kein Grund zum Ärgern, zwei Turniere binnen vier Wochen auf so einem hohen Niveau muss man auch erst einmal so gut wegstecken wie es Georg Braun geschafft hat. (mw)
Morgen berichten wir über die neue Württembergische Meisterin Ana-Maria Bursan.